Ich habe mich dazu entschieden, damit zu leben, damit das ich bipolar bin und damit, dass man es nicht erklären kann. Es gibt Menschen, die meinen, ich habe fast was Heldenhaftes, und es gibt die Sorte, die meint, ich bin einfach nur ein Arschloch. Meine Antwort ist: Nennt mich wie ihr wollt, denkt, was immer ihr denken möchtet, nur denkt nicht, dass dies im Positiven wie im Negativen irgendetwas mit mir macht. Ich habe mit mir genug zu tun, ich kann mir unmöglich die Köpfe anderer Menschen zerbrechen – negativ.
Bevor meine Manien jemals irgendwen in Mitleidenschaft gezogen haben, hat es in mir gewütet, inklusive des obligatorischen Psychiatrieaufenthalts danach. Ich könnte versuchen zu beschreiben, wie es ist, wenn man aufwacht, gefesselt und sediert ist und erstmal nicht weiß, warum das überhaupt so ist. Ich könnte von langen Fluren von diversen geschlossenen Psychiatrien in Deutschland erzählen, den langen Fluren, die sie scheinbar alle haben und anderen „Insassen“. Es wäre ein leichtes niederzuschreiben, welche Scham in einem tobt, wenn man die Ausmaße seiner Manie erklärt bekommt und am Ende Personen vor einem stehen, die glauben, all das wäre beherrschbar. Es wäre auch einfach, zu dokumentieren, wie oft ich schon in einem Krankenhaus stand und der Meinung war, ich habe einen Herzinfarkt oder stehe kurz davor. Angst und Panik sind die kleinen fiesen Verwandten meiner Störung. Auch hier könnte man versuchen zu erklären, wenn man dann aus dem Krankenhaus rausgeht, kein Herzinfarkt hatte und keiner bevor stand und einen – selbstgeschultes Personal – ansieht wie ein Auto.
Was könnte ich noch so berichten? Davon, dass ich mich nach dem letzten Aufenthalt in der Psyhiatrie in Lohr, am Morgen der Entlassung mit Insulin fast in die ewigen Jagdgründe gespritzt hätte. Ja das wäre dramatisch. aber wie entsetzlich das in echt war? Wieviel Angst ich in dem Zug auf dem Weg nach Aschaffenburg hatte? Mehr als man sich vorstellen kann, mein Diabetes wurde dort erst festgestellt, ich war im Zug nicht unterzuckert, ich hatte schlichtweg Angst und Panik, vor dem Zug und den Menschen im Zug. Also habe ich Insulin geballert, viel zu viel und sowieso nicht angebracht. Oder von monströsen Schmerzen, wenn man sich Erhängen möchte, wenn sich der Strang zusammenzieht? Oder den Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein? Monatelange Schmerzen, den Blutergüssen und den viel schlimmeren Narben auf Herz und Gemüt? Vielleicht sollte ich niederschreiben, dass ich den metallischen Geschmack von Blut schon kenne seit ich 5 oder 6 Jahre alt bin. Das hat nichts mit meiner Störung zu tun? Richtig. Aber mit meiner Handlung und Umgangsweise. Ich könnte seitenweise kaputtes Zeug runter schreiben, aber ihr würdet es wieder nicht verstehen und ich würde mich wieder ärgern – nicht über Euch, über mich. Weil mir fürchterlich egal sein sollte, was irgendwer denkt, weil ich zusehen muss, nie wieder in so einem Zustand kommen, nie wieder in der Anstalt landen, dafür habe ich Sorge zu tragen und dabei erlaube ich mir fast alles.