Papa Roach

Die Saarlandhalle hat die beste Zeit hinter sich, schon lange hinter sich. Dennoch liebe ich Konzerte in der Halle. Metallica, AC/DC, Whitesnake, Falco und viele andere Weltstars gaben sich hier schon die Ehre.

Obwohl ich schwer belastet sein müsste, weil mein Vater mich mehrmals zu Maffay schleppte. Es geht allerdings immer schlimmer, ich war auch bei den Kastelruther Spatzen in der Halle. Es war ein Deal mit meinem Vater, er mit zu den Onkelz, ich mit zu den Spatzen. Er hielt sich an den Deal.

Jetzt aber, Papa Roach. Ich hab mich riesig über die Ankündigung des Konzertes gefreut. Auch die Kapelle um Shaddix habe ich schon oft gesehen, meistens auf Festivals, letztmalig vor diesem Gig in der Jahrhunderthalle zu Frankfurt Cati ist dabei und Amelie haben wir im Gepäck, sie weiß und kennt soviel von Papa Roach wie ich von Ayliva, wir wissen, dass es sie gibt.

Alle sind guter Laune, der Einlass ist kein Problem. Wir haben Sitzplätze. Ich habe immer Sitzplätze in dieser Halle, letzter Block vor der Bühne, Seite egal, weil man dort erfahrungsgemäß einen guten Sound und geile Sicht hat.

Ich bin schon hocherfreut als wir bei den Sitzen ankommen. Ja, die Halle ist alt, dass Holz, der Filz, alles nicht zeitgemäß und doch Heimat, Ort meiner ersten Konzerte und und und. Außerdem erwartet uns eine geile Show, denn ich hab noch nie eine schlechte Show dieser Band gesehen und das Publikum geht auch immer mit. Ich erinnere mich mit Freuden daran, als die Onkelz mit La Ultima in der Halle haltmachten. Es war der helle Wahnsinn, so wahnsinnig, dass Stephan nach dem dritten Song ungläubig auf der Bühne stand und ins Mikrofon rief: Was ist denn mit Euch wahnsinnigen los? Die Saarlandhalle belegte in der internen Stimmungsrangliste Platz 3 hinter Dortmund und Frankfurt. Wobei FFM geschummelt war, die Festhalle mit ihrer Akustik alleine machte das unmöglich, sei es drum.

Da ich diesen Bericht mit einem Jahr Verspätung schreibe, kann ich über die Vorband nichts sagen, alleine das es ein gab, steht fest. Papa Roch und Shaddix wecken bei mir Emotionen, was in den dem Ausmaße eigentlich nur die Onkelz schaffen. Es kommt immer auf die Verfassung an, aber es kann passieren das ich auf Konzerten bei beiden Bands Rotz und Wasser heule. Shaddix sagt, die Musik hat ihm das Leben gerettet und ist er auch schon eine ganze Weile trocken. Das macht aber die Verbindung nicht aus, ich hatte nie ernsthafte Probleme mit Alk oder Drogen. Es geht um die Verarbeitung dieser Zustände, die Texte, die Musik. Es geht um die Interpretation, die muss sich als Hörer kein Stück mit der Intention des Künstlers /Sowgwriters decken, ich finde, das ist die Magie von Musik. Wenn man beispielsweise den Welthit „Last Ressort“ nimmt. Als der Song 2000 erschien, was es für mich ein geiler Song, die Bedeutung und Inhalt war mir bewusst – mehr nicht.

2008 änderte sich das Schlagartig. Ich war das erste Mal in einer Psychiatrie, es folgte nach langen Hin und Her meine Diagnose. Für mich war der Song sozusagen neu ausgekoppelt. Ich hatte Nächte hinter mir die jeder Beschreibung spotten. Ob in der Psychiatrie oder als ich wieder Zuhause war, Effekte die mich nahe an den Wahnsinn und Verzweiflung brachten. Ich hatte nicht nur einen letzten Ausweg, sondern zwei. Einer war, Morgen wird alles besser, du musst nur die Nacht überstehen. Der andere, wenn ich es nicht mehr aushalte, dann fresse ich alle Tabletten auf einmal oder hole mir einen Strick. Dem Leben ein Ende zu setzen war eine Option, die verhalf auszuhalten.

So wurde aus diesem Song ein Song, den ich sehr oft, je nach Verfassung und besonders live nicht überstehe, ohne hemmungslos zu heulen. Es kamen noch ein paar weitere Songs der Band hinzu, nicht wegen der Songs an sich, wegen der Erinnerung an die Zeit. Grausam und schön.. Musik die Emotionen weckt, die einen bewegt, erschüttert und dann wieder aufbaut. Soll Misik nicht so sein? für mich schon!

21 Uhr. Licht aus, Spot an. Das Konzert beginnt und nach einer Minute ist klar, die Band wie auch das Publikum halten, was ich mir versprochen habe – Jackpot. Cati ist voll dabei und auch Amelie kann sich nicht der Wirkung, Energie von Band und Fans entziehen. Es folgt ein Hit nach dem anderen und irgendwann passiert das, was ich weiter oben versucht habe zu erklären. Welcher Song oder stelle es war kann ich nicht mehr sagen, mich trifft der Blitz, ein Tornado an Gedanken und Gefühlen zischt durch meinen Körper. Ich versuche mich zu beherrschen, es bleibt bei einem Versuch. Cati hatte ich wohl gesagt, das dies passieren kann, sie schaut zwar besorgt, aber wird schon wissen das alles gut wird, es dazu gehört, bei mir dazu gehört. Ich versuche mich zu beherrschen, weil Amelie neben mir steht, aber wie geschrieben, es lässt sich hier nichts verbergen. Längst verheilte Wunden reißen alle auf einmal wieder auf und spucken wieder Blut. Aber es ist nicht schlimm, denn ich habe all den Dreck überstanden, immer wieder,  ich stehe hier, ich heule wie ein kleines Kind, aber bin glücklich, dass ich hier bin.

Das Konzert ist auch im weiteren Verlauf grandios und im November sind wir wieder bei der Truppe um Shaddix, diesmal in Köln und ich werde wieder heulen, denn nach meiner Definition ist ein Konzert überhaupt nur ein Abriss oder Episch, wenn ich mindestens einmal einen Heulkrampf hatte, einen schönen Heulkrampf.

PS: Fast vergessen. Wieder so eine Geschichte, die Dir kaum einer glaubt. Im Jahre 2025 wo „Stars“ sich schon durch die Gräben vor der Bühne von 27 Bodyguards begleiten lassen, klettert Shadddix abwechselnd auf die Tribünen und steht irgendwann auch bei uns und vor mir. Eigentlich bin ich ein pienzjen, verschwitze Menschen hilfe und Shaddix tropft vor Schweiß. Aber es ist mir völlig egal. Ich gebe ihm die Hand, nicht weil ich Fanboy bin und mir nun Wochen nicht mehr die Hand wasche. In meinem Kopf ist es ein danke. Danke für die Musik, danke für die Stunden in denen die Musik der Nacht fiese Stunden geklaut hat und danke für diesen wunderbaren Abend.